
Dieser junge, ehrgeizige und idealistische Mann faszinierte sie. Der Theologe hatte seine Vikarstelle aufgegeben und war nach Reutlingen gezogen, um sich ganz der Arbeit im Sinne des Nächsten zu verschreiben. Schon frühmorgens ging die Kaufmannstochter Albertine regelmäßig zu den Morgenandachten Gustav Werners. Sie war nicht die einzige junge Frau dort, jedoch eine der eifrigsten Zuhörerinnen. Das fiel auch dem jungen Diakon auf.
Um dem bösen Tratsch der Reutlinger ein Ende zu bereiten, entschloss er sich, eine Ehefrau zu nehmen. Dieser Schritt erschien ihm auch sinnvoll, um den Haushalt seiner stetig wachsenden Hausgenossenschaft in Ordnung zu halten und um den aufgenommenen Waisenkindern eine „rechtmäßige“ Mutter zu geben. So bat er Albertine 1841, ihm zur Seite zu stehen und sich vollkommen dem Dienst der Nächstenliebe zu verschreiben. Er scheint ihr deutlich gemacht zu haben, was auf sie zukommen würde, doch richtig begriffen haben wird sie es wohl erst auf ihrer Hochzeitsreise, die nach Walddorf führte. Kaum dort angekommen, verabschiedete sich Gustav von ihr, da er zu Predigt-
zwecken weiterreisen wollte, und schickte sie mit den zehn Waisen-
kindern, die sie mitgenommen hatten, zu Fuß zurück nach Reutlingen.
Von nun an musste Albertine lernen, ihre persönlichen Ansprüche zurückzustecken und ihr Leben voll und ganz ihrer Aufgabe zu widmen, an der Seite dieses Mannes, mit dem sie kein privates Eheleben führte, und der sie als Gehilfin für sein Lebenswerk auserkoren hatte. Bis zu ihrem Tode führte sie den Haushalt des Bruderhauses, sie wird als scheinbar schlichte und einfache Frau beschrieben, äußerst sparsam, immer auf Gerechtigkeit bedacht, streng und doch liebevoll den Kindern gegenüber, immer ermahnend zu Arbeitsfleiß und Ordnung, immer als Vorbild voran. Eigene Kinder bekam sie nie, hatte sich jedoch um Dutzende von Waisenkindern zu kümmern, als wären es ihre eigenen. Die Arbeit wurde ihr Leben, die Pfleglinge ihre Familie. Den Luxus des zeitraubenden Briefeschrei-
bens leistete sich „Mutter Werner“ erst, als sie wegen einem Gicht-
leiden zwei Kuraufenthalte in Wildbad verbrachte.
Mit der von ihr verlangten außerordentlichen Selbstverleugnung muss sie ein Leben lang zu kämpfen gehabt haben, doch ihre Zeitgenossen bestätigen, dass es kaum eine bessere Person für jene Stellung gegeben hätte. Doch auch leise Kritik regte sich, Werner spricht in ihrem Nachruf davon, dass das Haus in eine einseitige Richtung gelenkt worden wäre, nur das strenge Gesetz regiert hätte, hätte Albertine allein das Sagen gehabt. So jedoch stand ihr Amalie Wagenmann als ausgleichender Gegenpol und wohl auch Freundin zur Seite.
Und während wir 200 Jahre Gustav Werner feiern, möchten wir doch auch Albertine geborene Zwißler nicht vergessen, die so viele persönliche Opfer brachte, um ihm in seinem Werk beizustehen.