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Gustav Werner - Biografie

Die Frühphase der Industrialisierung war eine Zeit der Armut und Ausbeutung der Arbeiterschaft. Vor allem Waisen und Obdachlose quälte der Hunger. Gustav Werner wurde zum Mentor der Schwachen und beherzten Kämpfer gegen wirtschaftliche Missstände. Vor 200 Jahren wurde der bedeutende Sozialreformer geboren.

 

Der junge Mann will eigentlich predigen. Pfarrer werden. Deswegen kommt Gustav Werner 1834 als Vikar in die kleine Gemeinde Walddorf bei Reutlingen. Aber immer, wenn sich der 25-Jährige umsieht, blickt er auf eine im Elend gefangene Gesellschaft. Da sind viele Waisenkinder, die kein Brot haben, geschweige denn Kleider oder Erziehung. Da sind die Obdachlosen, um die sich keiner kümmert - aber auch verwitwete Tagelöhner, die sich für wenig Geld ausbeuten lassen müssen, während niemand auf ihre Kinder aufpasst.

 

Unzumutbare Zustände für einen wie Gustav Werner. Der Theologe spürt, dass er sich der Armen und Schwachen annehmen will. Eben kommt er aus Straßburg, wo er nach dem Examen in Tübingen zwei Jahre als Privatlehrer verbracht hat und dort auch dem Werk des elsässischen Pfarrers Johann Friederich Oberlin begegnet ist. Dieser Einfluss soll sein weiteres Leben prägen. Später schreibt er: "In Oberlin hatte ich mein Ideal gefunden. Um praktisches Christentum zu treiben, wie er in seinem Steintal, stand mir nun meine Lebens-
aufgabe vor Augen."

 

In seinen Predigten ruft der junge Vikar dazu auf, den Glauben an Christus nicht als "Gnadenpolster zu Ausruhen" zu sehen. "Wahrer Glaube wird nur in der Liebe tätig", betont er immer wieder.

 

Gustav Werner selbst lebt diesen Satz, kaum dass er ihn ausge-
sprochen hat. Im Jahr 1837 beginnt er seine diakonische Arbeit, indem er eine Kinderrettungsanstalt für Waisen gründet. Auch ruft er eine Kleinkindschule im Sinne der heutigen Kindergärten und eine Industrieschule ins Leben, in der Unterricht im Stricken, Häkeln und Spitzenklöppeln erteilt wird.

 

Das Geld, um seine Hilfe zur Selbsthilfe zu finanzieren, fehlt dem Vikar freilich noch. Gustav Werner zieht als Prediger durch die Lande, um mit Vorträgen Spenden für seine Einrichtungen zu sammeln. Seine Dienstherren allerdings sehen das weniger gerne: Als Gustav Werner in Konflikt mit der Kirchenleitung gerät, verzichtet der Sohn eines Landtagsabgeordneten freiwillig aufs Pfarramt. Er mietet in Reutlingen eine 5-Zimmer-Wohnung und zieht mit zehn Waisen-
kindern und zwei seiner Mitarbeiterinnen in die Stadt. Der Fußmarsch der kleinen Kolonne, mit einem Leiterwagen, auf dem die wenigen Habseligkeiten verstaut sind, ist das Ende des Walddorfer Vikars Gustav Werner - und der Beginn seines großartigen Wirkens als Sozialreformer.

 

In Reutlingen geht es nämlich rasch vorwärts mit den Werner'schen Einrichtungen. 1842 erwirbt der jetzt 33-Jährige mit Hilfe von Spenden und Darlehen ein größeres Wohnhaus am Stadtgraben, das er "Gottes Hülfe" nennt. Er selbst wohnt dort zunächst mit 30 Kindern und fünf Mitarbeiterinnen. Schon bald folgen die ersten männlichen Mitarbeiter aus Handwerker- und Winzerfamilien. Sie gründen die ersten anstaltseigenen Handwerksbetriebe. Sechs Jahre später leben im so genannten Mutterhaus bereits 80 Kinder und Hilfebedürftige zusammen.

 

Als Mitarbeiterinnen Gustav Werners treten immer mehr Reutlinger Bürgertöchter in die Anstalten ein. Eine seiner treuesten Mitstrei-
terinnen, die Kaufmannstochter Albertine Zwißler, nimmt sich der Diakoniepionier zur Frau. Es ist eine eher formale Verbindung. Mit der Ehe möchte Gustav Werner seinen angenommenen Kindern eine rechtmäßige Mutter geben.  

 

Mitte des 19. Jahrhunderts erwirbt er die erste Papierfabrik in Reutlingen an der Echaz. Er nennt sie "christliche Fabrik", da er mit seinem sozialen und wirtschaftlichen Konzept den großen sozialen Nöten der Arbeiter zu Beginn der Industrialisierung entgegentreten will.

 

Weil nach etlichen Missernten auch die Not in der Landwirtschaft immer größer wird, eröffnet der Sozialreformer zwischen 1853 und 1862 31 Zweiganstalten, verstreut in ganz Württemberg. Nach rund 20 Jahren leben in den Einrichtungen bereits 1746 Menschen, davon 227 Hausgenossinnen und Hausgenossen.

 

Die Reutlinger Mutteranstalt hat den Namen Bruderhaus erhalten - als Zeichen dafür, dass für Gustav Werner im Sinne der Nächstenliebe jeder ein Bruder ist, der der Hilfe bedarf. So beschäftigt er wenig später in seinen Fabriken und Werkstätten bereits knapp 900 Arbeiter. Für körperlich, geistig oder seelisch behinderte Menschen richtet Werner in Reutlingen Arbeitsplätze in der "Kartonagen- und Tütenfabrikation" ein. Dieses Modell gilt als Vorläufer der heutigen Werkstätten für behinderte Menschen.

 

Kurz: Gustav Werner bringt Menschen in Lohn und Brot, die auf dem herkömmlichen Arbeitsmarkt keine Chance haben. Dazu zählen auch die vielen Waisenkinder, die in seinen Anstalten aufwachsen. Ihr Mentor setzt sich dafür ein, dass sie mit Liebe erzogen und ent-
sprechend ihrer Fähigkeiten ausgebildet werden. Bestes Beispiel: Der Tüftler und Automobilbauer Wilhelm Maybach, der bis heute als berühmtester Sohn des Bruderhauses gilt. Gustav Werner soll die Erfolge seines Zöglings nur noch in den Anfängen miterleben. Er stirbt 1887 als Reutlinger Ehrenbürger - allerdings nicht, ohne sein Lebenswerk vorher in eine Stiftung umzuwandeln.

 

Die Grundsätze Gustav Werners gelten heute noch. Er hatte es geschafft, christliche Nächstenliebe mit wirtschaftlichem Denken und Handeln zu verbinden. Wie sagte doch der ehemalige Bundes-
präsident Theodor Heuss 1949: "Gustav Werner holte Gott in den Maschinensaal."

 

 

 

Nach Christina Hölz, Journalistin in Reutlingen

 

Das Lebenswerk von Gustav Werner
In eindrucksvollen Bildern zeigt der Film das Lebenswerk von Gustav Werner von den Anfängen bis in die heutige Zeit.

Film in 3 Teilen, Gesamtlänge
ca. 28 min
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