Lesung von Dr. Walter Göggelmann am 17.03.2009 Etwa zwei Dutzend Interessierte waren an diesem Dienstagabend in das Reutlinger Café Nikolai gekommen, um den Pfarrer im Ruhestand Walter Göggelmann aus seinem dritten Buch über Gustav Werner lesen zu hören.
Pfarrer Lothar Bauer, Vorstandsvorsitzender der BruderhausDiakonie und Mitautor umriss zunächst den geschichtlichen Rahmen, in dem Gustav Werner lebte. Er betonte, dass Gustav Werner die Industrialisierung miterlebte, eine gesellschaftliche und besonders auch politische geschichtliche Wendezeit. Die Entwicklung vom Fürstenstaat zum Nationalstaat bedeutete einen politischen Umschwung. „Und Gustav Werner mittendrin“.
Walter Göggelmann leitete nun auf Gustav Werners Schaffen nach dem deutsch-französischen Krieg über. Dieser Vernichtungskrieg, in dem kaum zwischen Militär und Zivilisten unterschieden wurde, führte zu gigantischen Verlusten auf beiden Seiten. Doch auf einmal wurde ein Brief des elsässischen Pfarrers Klein im Reutlinger Amtsblatt abgedruckt. Zum ersten Mal wurde der Blick auf die unschuldigen Opfer des Krieges gelenkt: obdachlos und hungrig, alles verwüstet, geplündert oder verbrannt.
Gustav Werner konnte trotz seines deutschnationalen Bewusstseins die Seiten wechseln. Er ging nach Straßburg, bemühte sich um Spenden und nahm um die 80 französische Kinder auf, die kurz vor dem Winter obdachlos geworden waren.
Er fand sich nicht mit dem Elend ab, ging mit Bittbriefen hausieren bis zum preußischen Hof. Mit Erfolg: Deutsche und Franzosen, die verfeindeten Völker, kümmerten sich schließlich gemeinsam um Verwundete und Tote. Gustav Werner deutete den Krieg prophetisch: Nicht Nationen können Gerechtigkeit schaffen, sondern nur Gott. Er schaute über den Krieg hinaus auf Versöhnung und Frieden. Die Diakonie wollte unpolitisch sein, doch sie war der europäischen Friedenspolitik weit voraus.